Management Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.12.2004, Nr. 291, S. 20


Geeignete Risikosteuerungsprozesse schnell aufbauen
Von Claus Stegmann
 
KÖLN, 12. Dezember. Die Finanzinstitute stehen bei der Umsetzung der Anforderungen aus Basel II und bei der Umstellung auf die internationalen Rechnungslegungsvorschriften nach IFRS inzwischen unter hohem Zeitdruck. Die Gefahr wächst, daß anstelle zukunftssicherer Lösungen zunächst nur temporäre Behelfskonstruktionen geschaffen werden können. Zeit- und arbeitsintensiv ist es vor allem, die Softwarelösungen zur Unterstützung der Prozesse rund um Basel II und IFRS qualifiziert in gewachsene IT-Landschaften einzubinden. Ihre Integration in die Steuerungsprozesse der Unternehmen ist daher oft nicht zufriedenstellend. Leistung und Ergebnisqualität solcher "Stand- alone"-Lösungen versetzen die betroffenen Institute zwar in die Lage, die neuen aufsichtsrechtlichen Auflagen mehr oder weniger zu erfüllen, die Ertragssituation des Unternehmens selbst wird dadurch aber nicht verbessert. Das gesamte betriebswirtschaftliche Potential einer modernen integrierten Risikosteuerung und Berichtspraxis bleibt ungenutzt.

In der Versicherungswirtschaft zeichnet sich bei der Vorbereitung auf Solvency II eine vergleichbare Entwicklung ab. Ein Blick auf die Ertragsentwicklung des deutschen Finanzdienstleistungssektors im internationalen Vergleich zeigt, daß entschlossen gehandelt werden muß. Die aktuellen Entwicklungen bei der Gestaltung der finanzaufsichtsrechtlichen Rahmenvorgaben sind ein wichtiger Impuls zur Modernisierung der Prozesse und Methoden im Sinne einer integrierten Risiko- und Ertragssteuerung. Angesichts sinkender Margen verbietet es sich beispielsweise, rentable und verlustbringende Produkte oder Geschäftsfelder lediglich gemeinsam per saldo zu betrachten. Es wird auf Dauer auch nicht möglich sein, die Quersubventionierung ertragsschwacher durch ertragsstarke Sparten fortzuführen. Kosten-, Risiko- und Ertragsstrukturen müssen, auch gegen interne Widerstände, transparent gemacht werden, um Verlustbringer zu identifizieren und Strategieentscheidungen qualifiziert zu unterstützen. Eine IT, die entsprechende übergreifende Auswertungen und Analysen nicht unterstützt oder die Zusammenarbeit zwischen Geschäftsbereichen behindert, ist nicht mehr zeitgemäß.

Vor diesem Hintergrund sollten auch die erweiterten Offenlegungsbestimmungen aus Basel II/Solvency II und den IFRS von der Finanzdienstleistungsbranche als das verstanden werden, was sie sind - wichtige Elemente zur Darstellung des Unternehmens nach außen, zum Beispiel gegenüber Aktionären oder Kunden. Günstige Risikopositionen und eine zureichende Eigenkapitalunterlegung ermöglichen günstige Refinanzierungsbedingungen. Ihre direkte Folge sind bessere Wettbewerbs- und Ertragschancen. Für die Gesellschaften ist die Offenlegung also keine administrative Pflichtübung. Es ist erfolgskritisch, dem Markt eine qualitativ überzeugende Darstellung der eigenen Position zu liefern. Es gilt deshalb, die Konsistenz der erweiterten Angaben nach Basel II/Solvency II und den Anhangangaben der IFRS zu sichern.

Die Grundstrategie für einen ökonomisch sinnvollen Umgang mit den aufsichtsrechtlichen Anforderungen ist für Banken und Versicherungen identisch: Die Unternehmens- und Risikosteuerung, das interne Reporting, das Berichtswesen für die Finanzaufsicht und die externe Rechnungslegung sind konsequent zu harmonisieren. Die komplexen, teils inkompatiblen IT-Landschaften der Unternehmen in den einzelnen Geschäftsfeldern und Funktionsbereichen müssen in möglichst einheitliche Systeme überführt werden. Solange dies nicht geschieht, bleibt die Datenbeschaffung und Datenkonsistenz für jede übergreifende Betrachtung aufwendig und problematisch.

Einheitliche Standards bereichs- oder gar konzernübergreifend umzusetzen, erfordert Zeit. Um so wichtiger ist es, strategisch konsequent zu handeln und die entsprechenden Prozesse einzuleiten. Dabei ergeben sich zwei Alternativen: Die Eigenentwicklung eines integrierten Steuerungs- und Berichtssystems nach den unternehmensspezifischen Anforderungen oder die Implementierung einer Standardsoftware, die den individuellen Bedürfnissen des Unternehmens angepaßt werden muß. Da in der Kreditwirtschaft inzwischen erkennbar ist, daß Eigenentwicklungen selbst für größere Institute ökonomisch nicht tragfähig sein werden, kristallisiert sich dort ein Trend zur Adaption standardisierter Lösungen heraus.

Systematisch überzeugend ist der Aufbau einer Unternehmenssteuerung in drei Schichten, wie ihn moderne Standardsoftwarepakete für den Finanzdienstleistungssektor umsetzen. In der ersten Ebene wird eine unternehmensweit einheitliche Datenbasis geschaffen. Sie dient als Grundlage für alle Bewertungsinstrumente, die auf der zweiten Ebene angeordnet sind. Ihre Datenströme und Ergebniswerte werden auf der dritten Ebene in einem Reporting Tool zusammengeführt, mit dem übergreifende Auswertungen vorgenommen werden können. Das Ergebnis ist eine neue Qualität der Datentransparenz: Alle Geschäfte lassen sich bis hin zum einzelnen Cash-flow zurückverfolgen. Die Effekte strategischer Planungen können unter Berücksichtigung unterschiedlichster Szenarien umfassend simuliert werden.

Angesichts der Terminprobleme, die bei der Umsetzung von Basel-II- und IFRS-Lösungen im Bankensektor bestehen, ist es für betroffene Unternehmen der Finanzwirtschaft sinnvoll, beide Implementierungsprojekte gemeinsam durchzuführen, um redundante Arbeitsabläufe zu vermeiden, konsistente Berichtsergebnisse zu gewährleisten und Zeit zu sparen. Zugleich sollte die Ausarbeitung der betriebswirtschaftlichen Fachkonzeption so eng wie möglich mit deren informationstechnischer Umsetzung und Erprobung verzahnt werden. Die teilweise Parallelität der Prozesse verringert den Zeitaufwand bei der Implementierung. Sie macht aber vor allem eine intensive und breite Einbindung der Mitarbeiter notwendig. Dieses Vorgehen fördert die Akzeptanz der Lösung und die Entwicklung eines soliden unternehmensinternen Systemwissens. Beide sind unverzichtbar, um eine echte Risiko- und Ertragssteuerung auch operativ umsetzen zu können.

Der Autor ist Mitglied des Vorstandes der ifb AG in Köln und verantwortlich für die Geschäftsbereiche SAP Services und Versicherungen. Er begleitete Umsetzungsprojekte zu Themen wie Eigenkapitalallokation, IFRS/IAS oder aufsichtsrechtliche Anforderungen an das Risikomanagement.
 
 
Bildunterschrift: Der Sitz des Basler Ausschusses.

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